Vor 300.000 Jahren: Der Mensch vertrieb seine Alpha-Männer und zähmte sich selbst

Vor etwa 300.000 Jahren veränderte sich der Mensch in Körperbau und Charakter – er wurde friedlicher und weniger impulsiv. Denn Sprache und technische Entwicklungen ermöglichten es den schwächeren Mitgliedern, die starken und aggressiven Alphas zu vertreiben und zu töten.

Im Vergleich zu seinen engsten Verwandten und den meisten Tieren ist der Mensch in der Regel ein friedliches Wesen. Er kooperiert mit seinesgleichen, Konflikte werden nicht ständig mit Gewalt ausgetragen. So kommt Gewalt bei Schimpansen, dem nächsten Verwandten des Menschen, fast hundert- bis tausendmal häufiger vor als bei Menschen. Und selbst Bonobos, die für ihre Friedfertigkeit bekannt sind, haben markant höhere Gewaltraten als Menschen: Gewalt ist dort etwa hundertmal öfter vor als bei Menschen.

Gewiss, diese Friedfertigkeit des Menschen bezieht sich meist nur auf Mitglieder der eigenen Gruppe – und weltweit ist Gewalt immer noch zu weit verbreitet. Die Gewalt, die gegen Mitglieder fremder Gruppen ausgeht, kann sich ins Unermessliche steigern. Davon zeugen Kriege, Völkermorde und Massaker. Aber: Würden Menschen ihre Meinungsverschiedenheiten wie Menschenaffen austragen, wären Mord und Totschlag Alltag.

Und hätte der Mensch im Laufe seiner Evolutionsgeschichte nicht gelernt, seine Impulse zu kontrollieren, wäre er nicht fähig zu kooperieren. Es gäbe keine Kultur, keinen technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, keine entwickelte Zivilisation.

Die Zähmung des Menschen

Der Biologe und Anthropologe Richard Wrangham hat nun eine spannende Theorie vorgelegt, in dem er den Prozess beschreibt, durch den der Mensch einen Teil seiner Gewalttätigkeit abgelegt hat: Der Mensch hat sich selbst domestiziert.

Domestizierte Tiere haben – egal ob Hund, Kaninchen oder Pferden – viele Eigenschaften gemeinsam: und zwar sowohl im Körperbau als auch im Verhalten. Sie sind kleiner als ihre wilden Vorfahren, haben kürzere Schnauzen, etwas kleinere, aber dafür leistungsfähigere Gehirne, die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind weniger ausgeprägt. Sie sind weniger aggressiv, haben einen kürzeren Paarungsrhythmus, verlieren seltener die Beherrschung und sind im Umgang mit unbekannten Tieren friedlicher als Wildtiere. Aufgefallen war das bereits im 19. Jahrhundert – etwa Charles Darwin – eine Erklärung dafür fand man aber noch nicht.

Die meisten dieser Eigenschaften gehen auf die sogenannten ‚Neuralleistenzellen‘ zurück, die in der Entwicklung des Embryos wirken. Sind diese schwächer ausgeprägt, zeigen die Tiere eher jugendliches und gewaltfreieres Verhalten und die entsprechenden körperlichen Merkmale.

Es ist offensichtlich: Der Mensch ähnelt domestizierten Tieren stärker als Wildtieren. Davon zeugen der jugendliche Charakter, der kleinere Kopf im Vergleich zu anderen Menschenarten wie etwa dem Neandertaler, die verhältnismäßig geringen Geschlechterunterschiede im Körperbau, die dicke der Knochen, der Paarungsrhythmus und vor allem die relative Seltenheit von Gewalt innerhalb einer Gruppe.

Wie Sprache und Waffen die Tyrannen besiegten

Hunde, Pferde oder Hausschweine wurden über Jahrtausende domestiziert und gezüchtet. Dabei wurden die friedlichsten und verträglichsten Tiere aufgenommen und ihre Fortpflanzung gefördert. Friedliche Säugetiere zeigen sich vor allem jugendliche Charakterzüge – insofern wurden jene Exemplare behalten und gezüchtet. Infolge setzten sich auch diese körperlichen und charakterlichen Merkmale durch.

Aber wann der Mensch viele dieser Merkmale trägt, wer hat ihn dann domestiziert? Er selbst, so die Theorie.

Schimpansen leben in hierarchisch aufgebauten Gruppen. An der Spitze steht ein Alpha-Männchen, das sich durch Gewalt seinen Platz erkämpft hat. Zwar setzen auch Schimpansen auf Bündnisse, schlussendlich steht an der Spitze aber eines der stärksten Tiere der Gruppe. Will ein anderes Männchen seinen Platz einnehmen, muss es das Alpha-Tier im Kampf besiegen.

In menschlichen Urgesellschaften hingegen dürfte es schon lange keine Alpha-Männer (und auch keine Alpha-Frauen) gegeben haben. Stattdessen dürften in den Gruppen eine relative Gleichheit geherrscht haben – zumindest zwischen den erwachsenen Männern.

Vor etwa 300.000 Jahren veränderte sich der Körperbau der Menschen. Die Knochen wurden dünner, die Schädelform dezenter, das Gehirn kleiner (aber auch leistungsfähiger, davon zeugen archäologische Artefakte). Diese Hinweise legen nahe, dass sich der Mensch in dieser Zeit selbst domestizierte. Das geschah, weil sich Menschen mit friedlichem und jugendlichem Charakter schneller fortpflanzen konnten als aggressive und starke Individuen. Denn diesen wurde ihre Macht genommen, oftmals wurden sie wohl getötet.

In diese Zeit fallen zwei Neuheiten: Vermutlich veränderte sich die Sprachfähigkeit des Menschen gerade qualitativ weiter. Und gleichzeitig entwickelte der Mensch ausgeklügeltere Artefakte: etwa den Speer.

Waffen wie der Speer können Hierarchien ins Wanken bringen: Ein Alpha-Schimpanse kann von kaum einen anderen Schimpansen in seiner Gruppe herausgefordert werden. Aber mit einem Speer kann auf einmal jeder jeden töten.

Mit der erweiterten Fähigkeit zu sprechen, konnten sich Mitglieder einer Gruppe besser verständigen. Sie konnten sich austauschen und: Sie konnten planen. Sie konnten über aggressive Mitglieder sprechen und Maßnahmen gegen sie beschließen.

Alpha-Tiere erfüllen für Gruppen in der Regel keine wichtige Funktion. Sie beherrschen Gruppen durch ihre Stärke. Mit einem Mal konnten sich schwächere Mitglieder gegen stärkere Alphas wehren. Und genau das dürfte – natürlich über viele Jahrtausende hinweg – immer wieder geschehen sein. Man konnte sich absprechen und gemeinsam handeln und man konnte Waffen einsetzen: Alphas konnten ihre Gruppen nicht mehr mit Gewalt beherrschen. Stattdessen wurden gewalttätige Individuen vertrieben oder getötet. Wer versuchte, Gruppen zu beherrschen, musste mit Widerstand rechnen

Schwächere und friedlichere Mitglieder einer Gruppe hatten auf einmal bessere Überlebens- und damit auch Fortpflanzungschancen als starke, aggressive und impulsive Individuen. Hilfsbereite, liebevolle und soziale Menschen hatten mit einem Mal in der Fortpflanzung Vorteile. Und so setzten sich – über viele tausende Jahre – diese Charaktereigenschaften stärker durch. Die Alphas verschwanden, der Mensch wurde sozialer, angepasster und kooperativer. Der Mensch hatte sich selbst domestiziert.

Konrad Lorenz und die „Verhausschweinung des Menschen“

Auch dem österreichischen Zoologen Konrad Lorenz war im Laufe seiner Forschungen aufgefallen, dass der Mensch viele charakterliche und körperliche Eigenschaften mit domestizierten Tieren teilt. Lorenz, dessen Denken sich an vielen Stellen mit dem Rassismus der Nationalsozialisten überschnitt, sprach von der „Verhausschweinung des Menschen“, die er als moralischen und biologischen Verfall beklagte. Sie würde die Instinkte des Menschen degenerieren und seine Triebe schwächen. Dass Menschen dadurch erst zu kooperativen und richtig sozialen Wesen geworden waren, dass die Gewalt innerhalb der Gruppen abnahm, war ihm gleich.

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