„Filterblasen im Kopf.“ Wie uns Pippi Langstrumpf vor Manipulation und Propaganda schützen kann

„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Die sommersproßige Kinderbuchheldin hat ganze Generationen in ihren Bann gezogen. Wissenschaftliche Studien zeigen nun, dass in ihrem Motto mehr Wahrheit steckt, als uns bisher bewusst war.

 

Ende der 90er Jahre führte eine Gruppe junger Psychologiestudent*innen an der Harvard-Universität ein Experiment durch. Zu ihrer eigenen Überraschung sollte es zu einem der bekanntesten psychologischen Experimente überhaupt werden. Das Video zum Experiment zählt inzwischen über 22 Millionen Klicks auf YouTube. Am besten einfach selber ausprobieren. Sollten Sie das Video bereits kennen, finden Sie hier eine Version für Fortgeschrittene.

Der Versuchsaufbau ist genial und skurril gleichermaßen: Den Versuchspersonen wird ein ca. einminütiges Video von zwei Basketball-Mannschaften vorgespielt. Ein Team ist weiß gekleidet, das andere schwarz. Die Probanden sind angehalten, die Ballberührungen von Team Weiß mitzuzählen. Im Laufe des Videos spaziert eine Person in einem Gorillakostüm über das Spielfeld, stellt sich in die Mitte des Feldes, trommelt sich in bester Affenmanier auf die Brust und trottet wieder vom Feld. Am Ende des Videos werden die Versuchspersonen aufgefordert, anzugeben, wie viele Ballberührungen Team Weiß erzielt hat. Die Antwort lautet übrigens 34 oder 35. Aber darum geht es natürlich nicht. Anschließend wird gefragt, ob jemandem etwas Ungewöhnliches aufgefallen sei. Hier wird es spannend. Die Hälfte der Versuchspersonen hat nicht bemerkt, dass ein riesiger Gorilla direkt vor ihren Augen über das Spielfeld spaziert ist. Inzwischen wurde das Experiment unzählige Male wiederholt. Das Ergebnis ist immer dasselbe. Aber wie ist das möglich?

Aufmerksamkeit ist ein Nullsummenspiel

Unser Gehirn verfügt über eine begrenzte Kapazität an Aufmerksamkeit. Wenn wir uns auf A konzentrieren, sind wir für B blind – und umgekehrt. In der Psychologie wird dieser Effekt als Unaufmerksamkeitsblindheit oder selektive Wahrnehmung bezeichnet. D.h. wenn wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf das Zählen von Basketballpässen lenken, bleibt für den Rest nichts mehr übrig.

Der Studienautor Christopher Chabris (2011) verweist darauf, dass uns das Gorillaexperiment zwei Dinge über unser Gehirn verrät: Zum einen stoßen wir schneller an die Grenzen unserer Wahrnehmung als uns lieb ist.

„Wir alle glauben, wir seien in der Lage wahrzunehmen, was wir vor Augen haben, uns akkurat an vergangene Ereignisse zu erinnern, die Grenzen unseres Wissens einzuschätzen und Ursache und Wirkung korrekt zu bestimmen. Aber diese Annahmen sind oft unzutreffend, und hinter ihnen verbergen sich entscheidende Grenzen unserer kognitiven Fähigkeiten.“

Zum anderen tun wir uns schwer damit, unsere kognitiven Grenzen anzuerkennen.

„Dass einem Dinge entgehen, ist zwar eine wichtige Erkenntnis, aber was uns noch mehr auffiel, war, wie überrascht die Menschen waren, wenn man ihnen zeigte, was sie nicht gesehen hatten.“

Für unsere körperlichen Beschränkungen besitzen wir ein intuitives Verständnis. Anstatt mit den Armen zu flattern, haben wir begonnen Flugzeuge und Raketen zu bauen. Wenn es dahingegen um unsere geistigen Fähigkeiten geht, scheint uns dieses Verständnis zu fehlen. Anstatt über Flugzeuge und Raketen für unser Gehirn nachzudenken, flattern wir weiterhin mit den Armen und wundern uns, warum wir nicht abheben.

Die Folgen sind weitreichend. Ein falsches Verständnis darüber, wie wir die Welt wahrnehmen, steht nicht nur klugen Entscheidungen und einem selbstbestimmten Leben im Weg, es macht uns auch anfällig für Manipulationen aller Art – im Guten wie im Schlechten.

Der beste Schutz gegen Manipulationen unserer Aufmerksamkeitsstruktur ist ein geschärftes Bewusstsein für die Funktionsweise unseres Gehirns. Bei der Informationsverarbeitung greift unser Gehirn auf Filter zurück. Ein Filter funktioniert dabei wie eine Sonnenbrille. Bestimmte Teile des Lichts dürfen passieren, während andere blockiert werden. Unterschiedliche Filter haben zwar keinen Einfluss auf die objektive Außenwelt, aber sie steuern unsere Wahrnehmung und beeinflussen somit unsere subjektive Realität.

Wünscht man sich ein Baby, ist die Welt voller Kinderwägen

Die Gorillastudie zeigt, dass wir stets nur einen Ausschnitt unserer Umwelt wahrnehmen. Sie verdeutlicht aber auch, dass unsere Wahrnehmung gezielt gesteuert werden kann. Hier kommt Pippi Langstrumpf ins Spiel. Im Alltag tragen wir ständig unterschiedliche Brillen, nur sind wir uns dessen meist nicht bewusst. Wer sich ein Kind wünscht, setzt sich die Babybrille auf und plötzlich ist die Welt voller Kinderwägen. Kauft man sich ein gelbes Auto, sind die Straßen plötzlich voll von gelben Autos. Natürlich hat sich durch den Kinderwunsch oder das neue Auto die Außenwelt nicht verändert. Es gibt weder mehr Babys noch rollen mehr gelbe Autos durch die Straßen, aber unsere Wahrnehmung der Welt hat sich verändert, und damit auch unsere Lebensrealität.

Die spannende Frage ist, wer entscheidet darüber, welche Brille wir tragen. Wir selbst oder andere? In den letzten Jahren ist ein zunehmender Kampf um unsere Aufmerksamkeit entbrannt – sei es in der Werbung oder im politischen Kontext.

Propaganda erzeugt Filterblasen im Kopf

Wenn in den Medien ständig von Ausländern in Zusammenhang mit Kriminalität berichtet wird, stellen sich unsere Filter automatisch um – ob wir wollen oder nicht. Abweichendes Verhalten von Menschen mit Migrationshintergrund springt uns fortan ins Auge, während wir für gelungenes Zusammenleben zunehmend blind werden. Das erzeugt eine verzerrte Wahrnehmung der Welt. Ist dieser Prozess erst einmal in Gang gesetzt, kann er sich schnell verselbstständigen und mitunter zu radikalen Positionen beitragen. Es entstehen Filterblasen im Kopf. Diese Form der selektiven Wahrnehmung erklärt auch, warum Menschen, die im selben Land, derselben Stadt oder gar der gleichen Straße leben, eine gänzlich unterschiedliche Auffassung ihrer Lebenssituation besitzen können.

Die Gorillastudie erlaubt uns, „einen Blick hinter den Vorhang zu werfen und einige der kleinen Zahnräder und Hebel zu sehen, die unsere eigenen Gedanken und Überzeugungen steuern.“

Die gute Nachricht: Wer sich der Prozesse, die in unserem Gehirn angestoßen werden, bewusst ist, kann sich dafür entscheiden, eine bestimmte Brille nicht aufzusetzen.

„Wir müssen die Überzeugung hinterfragen, dass wir uns selbst gut kennen.“

Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass wir (zumindest zu einem gewissen Grad) selbst bestimmen können, in welcher Welt wir leben wollen. Dafür gilt es in einem ersten Schritt die Grenzen unserer Wahrnehmung zu akzeptieren – keine leichte Übung. Hat man diese Hürde aber erst einmal übersprungen, kann man frei nach Pippi Langstrumpf beginnen, die Welt so zu gestalten, wie sie einem gefällt. Man kann Strategien und Werkzeuge entwickeln, um seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die einem wichtig sind und Freude bereiten.

Praxistipp: Versuchen Sie einen Tag lang mitzuzählen, wie oft Ihnen ein Lächeln geschenkt wird. Schreiben Sie die entsprechende Zahl vor dem Schlafengehen auf ein Blatt Papier. Es empfiehlt sich, die Übung mehrere Tage am Stück zu wiederholen. Wer es ernst meint, kann auch ein Tagebuch des Lächelns anlegen und jeden Tag eine Situation, die von einem Lächeln begleitet wurde, in wenigen Sätzen niederschreiben.

Die Gorillastudie kann uns einen Anstoß geben, um unser Leben mehr als bisher in die eigenen Hände zu nehmen, bessere Entscheidungen zu treffen und vielleicht sogar ein glücklicheres Leben zu leben. Denn ein besseres Verständnis der Welt führt immer auch zu neuen Möglichkeiten der Gestaltung.

Hey Pippi Langstrumpf, hollahi-hollaho-holla-hopsasa…

 

Quelle:

Chabris, Christopher. Der unsichtbare Gorilla: Wie unser Gehirn sich täuschen lässt (German Edition) (S. 9, 11, 19). Piper ebooks. Kindle-Version.

 

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