Kaufen oder nicht kaufen

Im zweiten Teil der Reihe über kluge Entscheidungen wenden wir uns dem Thema Geld zu. Wir gehen der Frage nach, warum wir nicht (gut) mit Geld umgehen können und verraten, wie uns das Märchen vom Froschkönig dabei helfen kann, bessere Entscheidungen zu treffen.

 

Angenommen Sie schlendern durch die Wiener Innenstadt und entdecken in einem Schaufenster ein Paar Schuhe, das Sie anspricht. Das Paar kostet 100 Euro und würde Ihre Garderobe für den bevorstehenden Winter gut abrunden. Nun stellt sich die wohl wichtigste Frage des 21. Jahrhunderts: Kaufen oder nicht kaufen.

Der versierte Konsument geht kurz in sich und wiegt ab. Ein Leben mit neuen Schuhen wird dem tristen Dasein ohne neues Schuhwerk gegenübergestellt. Wer es genau wissen will, erstellt kurzerhand eine Pro- und Kontra-Liste. Nichts wird dem Zufall überlassen.

Aber ist das wirklich der beste Weg, um finanzielle Entscheidungen zu treffen?

Wer kluge Kaufentscheidungen treffen will, muss in Alternativen denken

Die kurze Antwort lautet: Nein. Geld ist ein Tauschmittel und verfügt über spezifische Eigenschaften. Das hat Vorteile, birgt aber auch Schwierigkeiten. Der Vorteil liegt darin, dass ich mit Geld (fast) alles kaufen kann. Der Nachteil ist, dass ich mit Geld (fast) alles kaufen kann. D.h. wenn ich mir Schuhe für 100 Euro kaufe, muss ich mir bewusst sein, dass ich dieses Geld nicht mehr verwenden kann, um mit Freunden Essen zu gehen, ein Konzert zu besuchen oder ein neues Waschbecken zu besorgen. Das nennt man Opportunitätskosten.

Das Problem liegt darin, dass wir dazu neigen Opportunitätskosten zu vernachlässigen. Anstatt alternative Möglichkeiten zu berücksichtigen, beschränken wir uns meist auf die Frage „Kaufen oder nicht kaufen“. Das verringert zwar die Komplexität der Entscheidung, kann aber kostspielig werden.

Der Verhaltensökonom Dan Ariely identifiziert in unserem mangelnden Bewusstsein für Opportunitätskosten den zentralen Denkfehler im Umgang mit Geld und die wichtigste Ursache für finanzielle Fehlentscheidungen:

„Es überrascht die Menschen, wenn man sie darauf hinweist, dass es alternative Möglichkeiten gäbe, ihr Geld auszugeben… Diese Überraschung ist ein Indiz dafür, dass Menschen von Natur aus nicht dazu neigen, die Alternativen zu erwägen. Aber ohne Auseinandersetzung mit den Alternativen können wir die Opportunitätskosten unmöglich richtig einschätzen.“[1]

Opportunitätskosten stellen den Schlüssel zu klugen Kaufentscheidungen dar – sei es beim vorweihnachtliche Schuhkauf oder beim Kauf einer Eigentumswohnung. Denn erst durch das Mitdenken der Alternativen können wir beurteilen, ob wir unser Geld wirklich in unserem besten Interesse investieren.

Wir müssen lernen, die richtigen Fragen zu stellen

Falsche Frage: Schuh oder nicht Schuh?

Richtige Frage: Schuhe oder Essen mit Freunden oder Konzertbesuch oder neues Waschbecken oder das Ersparte doch lieber unter die Matratze?

Wie leicht zu erkennen ist, verkomplizieren Opportunitätskosten den Entscheidungsprozess mitunter erheblich. Anstatt über eine Welt mit oder ohne neue Schuhe nachzudenken, gilt es unterschiedlichste Optionen gegeneinander abzuwägen. Das ist anstrengend. Und da unser Gehirn nunmal faul ist, versucht es Anstrengungen aus dem Weg zu gehen[2] – keine besonders vielversprechende Ausgangslage.

Um unsere (kognitive) Trägheit zu überwinden, kann es hilfreich sein, auf kleine Tricks zurückzugreifen. Das kann eine vereinfachte Regel sein, an der man sich auch noch in der Hektik des Alltags orientieren kann. Zum Beispiel kann man sich dazu verpflichten, immer (zumindest) zwei Alternativen in die Entscheidung miteinzubeziehen, bevor man einen Kauf tätigt.

Man kann aber auch etwas tiefer in die Trickkiste greifen und mit einer Metapher arbeiten. Die Froschkönig-Methode[3] basiert ihrerseits auf dem Prinzip der Opportunitätskosten, ist aber netter anzuhören: Angenommen Sie sind eine wunderschöne Prinzessin und wollen sich einen Prinzen angeln. Sind Sie wirklich bereit, gleich den erstbesten Frosch zu küssen, der Ihnen über den Weg hüpft? Für eine anspruchsvolle Prinzessin scheint es ratsam, zumindest zwei oder drei Frösche zu begutachten und sorgfältig abzuwägen, welcher Frosch die besten Chancen hat, sich als Prinz zu entpuppen. Ist die Entscheidung erst einmal gefallen, ran an den Frosch.

Wenn Sie das nächste Mal vor einem Schaufenster stehen, oder kurz davor sind auf „Buy“ zu klicken, denken Sie kurz an all die anderen Frösche, die darauf warten, von Ihnen geküsst zu werden.

Vorher: Schuh oder nicht Schuh?

Nachher: Frosch #1: Neue Schuhe. Frosch #2: Essen mit Freunden. Frosch #3: Konzertbesuch. Frosch #4: Neues Waschbecken. Frosch #5: Geld unter die Matratze. Welchen Frosch will ich küssen?

Die Froschkönig-Methode ist nicht nur unterhaltsam, sie kann uns auch vor kostspieligen finanziellen Fehlentscheidungen bewahren, indem sie unser Gehirn auf eine spielerische Art und Weise dazu animiert, in Alternativen zu denken.

Opportunitätskosten in der Politik

Abschließend bleibt anzumerken, dass sich Opportunitätskosten natürlich nicht nur auf private Konsumentscheidungen beschränken. Das Prinzip lässt sich auch auf politische Ebene übertragen. Dwight D. Eisenhower, der 34. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, war sich der Bedeutung und der Tragweite von Opportunitätskosten mehr als bewusst. Seine Rede aus dem Jahr 1953 sollte als „Chance for Peace“ Ansprache in die Geschichte eingehen:

„Every gun that is made, every warship launched, every rocket fired signifies, in the final sense, a theft from those who hunger and are not fed, those who are cold and are not clothed. This world in arms is not spending money alone. It is spending the sweat of its laborers, the genius of its scientists, the hopes of its children. The cost of one modern heavy bomber is this: a modern brick school in more than 30 cities. It is two electric power plants, each serving a town of 60,000 population. It is two fine, fully equipped hospitals. It is some fifty miles of concrete pavement. We pay for a single fighter with a half-million bushels of wheat. We pay for a single destroyer with new homes that could have housed more than 8,000 people. . .  This is not a way of life at all, in any true sense. Under the cloud of threatening war, it is humanity hanging from a cross of iron.“

 

Mehr über die Kunst der Entscheidung

Teil 1: Wie man gute Entscheidungen trifft

Teil 2: Kaufen oder nicht kaufen

 

Fußnoten

[1] Dan Ariely: Teuer ist relativ. Warum wir nicht mit Geld umgehen können. Berlin 2018. Seite 31.

[2] Vgl. Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken. München 2012. Seite: 45 – 54, 81 – 95.

[3] Dem Autor ist bewusst, dass die Metapher nicht (ganz) in Einklang mit dem Märchen vom Froschkönig steht – insbesondere nicht mit der Originalversion der Gebrüder Grimm. Aber sei es drum.

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