Früher war alles besser? Politik der Nostalgie

Die Vergangenheit scheint heller als sie war – denn positive Erlebnisse bleiben besser in Erinnerung. Daran knüpfen Rechtspopulisten an und mobilisieren die Nostalgie für ihre politischen Projekte. Die Erinnerung an eine Vergangenheit, die es nie gegeben hat, dient ihnen als emotionaler Anker.

Früher war das Leben besser, es war einfacher und übersichtlicher. Die Menschen waren anständig und halfen alten Frauen über die Straße, Verbrechen waren eine selten und man konnte das Leben genießen.

Die guten alten Zeiten eben – die bei weitem nicht so gut waren, wie wir sie erinnern. Früher gab es mehr Verbrechen, die Arbeitszeiten waren länger, die Welt stand mehrmals am Rande eines Atomskrieges, von den Weltkriegen in den Generationen davor ganz zu schweigen. Pocken und Kinderlähmung tat ihres, Geschirrspüler waren etwas für Reiche und auch das Fernsehprogramm war eintönig. Und doch fühlt es sich oft so an, als wäre das Leben früher angenehmer gewesen.

Warum strahlt die Vergangenheit so oft?

Wenn wir auf die Vergangenheit zurücksehen, erscheint sie vielen in rosarotem Licht. Warum aber fühlt sich die Vergangenheit oft so einfach, so bequem oder so glanzvoll an?

Das hat etwas mit unserem Selbstbild zu tun, mit der Art, wie wir uns als Menschen selbst sehen. Selbstbilder müssen ständig stabilisiert werden, sonst verändern oder verflüchtigen sie sich. Es ist eine andauernde Arbeit. Und diese geschieht zu einem Gutteil über Erinnerungen.

Wer sich an ein Ereignis erinnert, stärkt mit der Erinnerung die Wahrscheinlichkeit, sich wieder daran oder ein ähnliches Erlebnis zu erinnern.

Wer ein positives Selbstbild hat, erinnert sich demnach öfter an schöne Ereignisse oder angenehme Erfahrungen. So kommen in unserer Erinnerung negative Gefühle seltener vor. Wer ein positives Selbstbild hat oder sich zumindest regelmäßig an schöne Zeiten erinnert, sieht die Vergangenheit eben in einem helleren Licht, als sie tatsächlich war. Positive Erinnerungen überstrahlen negative. Und infolge strahlt die Vergangenheit heller als sie war. Und da die meisten Menschen ein positives

Und so sind es ausgerechnet depressive Menschen, die ein realistischeres Bild von der Vergangenheit haben. Weil sie nicht so oft an positive Ereignisse denken, gibt es bei ihnen diesen Effekt nicht. Allerdings zahlen sie dafür auch einen hohen Preis  – sie sind eben depressiv.

Ein weiterer Aspekt betrifft unsere Lebenserfahrung.Wir werden älter und wir lernen dazu. So können wir im Alter mit schwierigen Situationen besser umgehen. Wir kennen das alle: Die Probleme unserer Jugend erscheinen uns zehn Jahre später klein. Was früher einmal eine Herkulesaufgabe war, ist jetzt ein kleiner Hügel. Aus der Perspektive eines 60-Jährigen scheinen Probleme mit dem Klassenvorstand wegen ständigem Schulschwänzen klein. Auch das lässt die Vergangenheit rosiger erscheinen.

Verschwundene Unsicherheiten

Die Vergangenheit einen großen Vorteil gegenüber der Gegenwart: Sie ist abgeschlossen. Wir erinnern uns an ein Ereignis und mit ihm an die Folgen. Wir wissen, wie es ausgegangen ist, welche Entscheidung welche Konsequenz folgen ließ. Es gibt nur wenige Unsicherheiten, wir wissen ja, was danach geschah.

Aber genau diese Unsicherheiten sind es, die die Gegenwart anstrengend und stressig machen können. Wir müssen Entscheidungen treffen, abwägen, uns in einer unklaren Welt bewegen. Und das ist manchmal aufreibend, stressig und ermüdend. Wir wissen nicht, ob wir den Job bekommen, für den wir uns beworben haben, wir müssen überlegen, was wir am Abend kochen und tausend weitere Entscheidungen fällen.

Insofern hat eine gewisse Nostalgie eine stabilisierende Funktion. Die Vergangenheit vereinfacht und in positivem Lichte zu erinnern, ist wohltuend und mitunter beruhigend. Man holt sich die Vergangenheit in die Gegenwart, um mit Herausforderungen oder Stress zu bewältigen.

Politik der Nostalgie

Spätestens mit dem BREXIT hat die Nostalgie eine unübersehbare Rolle in der Politik eingenommen. Der Rechtspopulismus versucht eine vermeintlich gute Vergangenheit wieder herzustellen. Das angesehene und selbstständige Großbritannien, Trumps Amerika, das „great again“ wird oder das FPÖ-Österreich, in dem wieder Ordnung einkehrt.

Die rechtspopulistische Politik der Nostalgie setzt sich auf die beschriebenen psychologischen Mechanismen. Insbesondere Menschen, die die politische Lage unsicher, unklar oder undurchsichtig beschreiben, bekommen ein stabilisierendes Angebot. Die persönliche Erinnerung wird mit der historisch-politischen vermischt und die Sehnsucht nach der guten, alten Zeit verbunden.

Politische Kampagnen, die auf Nostalgie setzen, mobilisieren eine emotionale Kraft, die verunsicherten Menschen Zuversicht und Orientierung gibt. Genau das gelingt einer Reihe Rechtspopulisten und Konservativen gegenwärtig – womit sie erneut unter Beweise stellen, dass sie ein viel feineres Gespür dafür haben, welche Rolle Gefühle in der Politik spielen.

 

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