Rechtsextremismus und Islamismus: das gleiche Weltbild, die gleichen Feindbilder

Rechtsextreme und Islamisten unterscheiden sich nur oberflächlich voneinander. Sieht man genauer hin, erkennt man eine Vielzahl von Ähnlichkeiten. Die Grundstrukturen ihres Weltbildes gleichen einander wie ein Ei dem anderen. Sie ziehen Grenzen zwischen Gut und Böse an der gleichen Stelle, haben beide Probleme mit Vieldeutigkeit, brauchen Ordnung und klare Autoritäten und haben vor nichts mehr Angst, als vor einer unreinen Welt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da begeisterte sich die extreme Rechte für die radikaleren Formen des Islams. Das Gedankengut der extremen Rechten wie das des islamischen Fundamentalismus sei „Ausdruck des Widerstandes gegen die Moderne“1. So erklärte etwa der damalige Vorsitzende der rechtsextremen ungarischen Partei Jobbik noch 2013: „Der Islam ist die letzte Hoffnung der Menschheit in der Finsternis des Globalismus und Liberalismus.“ Rechtsextreme aller Art brachten ihre Bewunderung über Länder wie Saudi-Arabien zum Ausdruck, da diese ihre Traditionen erhalten hätten und sich der Liberalisierung der Gesellschaft erfolgreich zur Wehr setzten. Und umgekehrt ist die Verehrung von Hitler und den Nationalsozialsten bei radikalen Islamisten breit dokumentiert.

Gemeinsamkeiten liegen in den psychischen Strukturen, Unterschiede sind oberflächlich

In jüngerer Zeit haben mehrere Studien herausgearbeitet, wie sehr sich Rechtsextreme und radikale Islamisten gleichen – vor allem wenn diese Terroristen sind. Natürlich gibt es auch Unterschiede. Diese liegen etwa auf ideologischen, symbolischen und kulturellen Ebenen. In den tieferen psychologischen Strukturen, die diese Ebenen tragen, überwiegen jedoch die Ähnlichkeiten. Mit einem Wort: Die Form ist gleich, die Farben unterschiedlich.

Ekel und der Wunsch nach einer gereinigten Gemeinschaft

Rechtsextreme wie Islamisten verspüren ein starkes Ekelgefühl. Ekel spielt in der Politik eine wichtige Rolle: Je weiter man politisch Rechts steht, desto schneller und intensiver verspürt man Ekel. Ein starkes Ekelgefühl hat mehrere Folgen: Man scheut Neues, möchte im Vertrauten bleiben, misstraut Fremden und hat große Probleme mit Schmutz – und zwar im realen wie im metaphorischen Sinn.

Nichts eint Rechtsextreme und radikale Islamisten mehr, als der Wunsch nach einer reinen Gesellschaft: die reine Lehre des Korans, das reine Volk. Deswegen zielt ihr Hass vor allem auf Gruppen, die diese Reinheit scheinbar bedrohen: Juden, Homosexuelle, die amerikanische Kultur, Andersdenkende,… Ihr größte Sorge betrifft, dass diese Gruppen die erwünschte Gemeinschaft von innen heraus verschmutzen und zerstören. Politische Probleme werden analog zu Krankheiten gesehen: Der Volkskörper oder die Glaubensgemeinschaft wird von außen infiltriert und dann von innen zersetzt.

Und beide glauben, dass die Reinigung vor allem durch den Krieg vonstatten gehen muss. Da eine unreine Gesellschaft eine verweichlichte Gesellschaft ist, braucht es den Kampf und den Krieg, der die Männer wieder stählt.

Ordnung, Sicherheit und Struktur

Beiden Gruppen ist gemein, dass sie Ordnung und Sicherheit brauchen. Und zwar nicht nur, indem sie für eine starr geordnete und sichere Gemeinschaft kämpfen, in der jeder seinen eindeutigen Platz hat und in der es klare Hierarchien gibt – zwischen Mann und Frau, Eltern und Kind, Staat und Volk. Sondern auch in ihrem Verständnis der Welt. Beide Gruppen haben ein ausgesprochen starkes Bedürfnis nach dem, was man in der Psychologie ‚cognitive closure‘ nennt.

Darunter versteht man die psychologische Tendenz, Themen oder Fragen aller Art besser eindeutig zu beantworten, als sie in ihrer Mehrdeutigkeit wahrzunehmen. Vielschichtiges oder Widersprüchliches wird als Unordnung wahrgenommen – und diese muss sofort geordnet werden. Es gibt Schwarz, es gibt Weiß, aber kein Grau und schon gar nicht Bunt.

Was nicht gleich klar zugeordnet werden kann, irritiert. Deswegen werden schnelle Antworten bevorzugt und auch dann noch akzeptiert, wenn weitere Informationen sie widerlegen. Das Bedürfnis nach kognitiver Ordnung verhindert, dass Probleme oder Menschen neu bewertet werden. Der erste Eindruck wird nicht mehr fallengelassen.

Besser, gleich eine einfache Erklärung für ein Phänomen akzeptieren, als sich von der Mehrdeutigkeit überfordern lassen. Besser, einen Menschen schwarz oder weiß einzuschätzen, als jemanden in seinen unterschiedlichen Schattierungen wahrzunehmen. Und besser eine staatliche Struktur, die jedem seinen Platz vorschreibt, als eine Gesellschaft, in der Menschen selbst über ihren Lebensweg entscheiden können – mit offenem Ausgang. Genau deswegen sind Autoritäten, Führer und Hierarchien so angenehm: Sie sind eindeutig.

Komplexe Probleme gibt es in den Augen von Rechtsextremen und radikalen Islamisten nicht. Jedes Problem lässt sich auf eine einfache Struktur zurückführen und hat niemals vielfältige Ursachen: Verschwörungen (meist jüdisch-amerikanisch), Verfall der Kultur aufgrund von Dekadenz (meist aufgrund der jüdisch-amerikanischen Kultur und der Verweichlichung der Männer), Bedrohung durch den Herrschaftsanspruch einer fremden Gruppe.

Wir, die Guten – Sie, die Bösen

Rechtsextreme und Islamisten teilen die Welt schwarz und weiß ein. Sie wissen genau, wer der Feind ist und wer auf ihrer eigenen Seite steht. Die eigene Gruppe ist immer gut – egal was sie macht. Und fremde Gruppen sind immer böse – egal, was sie machen. Die Grenze zwischen Wir und Sie ist nur in eine Richtung zu überschreiten: Wer die eigene Gruppe verrät, wird vom Freund zum Verräter.

In dieser Aufteilung fließen die beiden vorher genannten Faktoren zusammen: Wer schnell Ekel und Abneigung gegenüber Fremden und Menschen, die anders sind, verspürt, nimmt diese als Feind war. Und wer dazu neigt, einfache Erklärungen vorzuziehen und starr bei ihnen zu bleiben, kennt nur ganz Gut und ganz Böse. Zwischenschichten haben keinen Platz, Komplexität existiert nicht.

Fußnoten

1 Weiß, Volker: Die autoritäre Revolte, Stuttgart 2017, S. 224.

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