Für Rechte ist die Welt ein gefährlicher Ort, Linke wollen sie entdecken

Linke und Rechte nehmen die Welt unterschiedlich wahr. Schätzt man die Welt gefährlich ein, steht man eher auf der Rechten. Wer sie entdecken möchte, weil sie aufregend und interessant ist, ist zu einer hohen Wahrscheinlichkeit links oder liberal.

Wie wir politisch denken, hat nur wenig mit der Einschätzung konkreter Sachfragen zu tun. Vielmehr wurzelt unsere Meinung in unseren Werten: In dem, was wir richtig und falsch finden, in der Art, wie wir die Welt sehen oder wie wir uns unseren Mitmenschen gegenüber verhalten.

Wir bilden unsere politische Meinung nicht aufgrund von Argumenten

Nein, wir bilden uns unsere politische Meinung nicht rational. Wir denken nicht über einen Reformvorschlag der Regierung nach, schätzen ihn und seine Folge ein und überlegen uns dann sachlich, wie wir dazu stehen oder was bessere Alternativen wären. Vielmehr baut unsere politische Meinung auf Emotionen und Intuitionen auf. Die Gründe, die wir angeben, warum wir für oder gegen einen Vorschlag sind, finden wir in der Regel erst nachträglich – um unseren Standpunkt zu rechtfertigen. Zuerst entscheiden wir uns, dann überlegen wir.

Für Rechte ist die Welt ein gefährlicher Ort, Linke wollen sie entdecken

Eine Studie der beiden Politikwissenschaftler Marc Hetherington und Jonathan Weiler zeigt nun, dass es einen Faktor gibt, der wie kein anderer darüber entscheidet, wo wir politisch stehen: Je gefährlicher und feindlicher wir die Welt einschätzen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, politisch rechts zu stehen. Menschen hingegen, die die Welt entdecken wollen, die sie aufregend und inspirierend finden, stehen in der Regel links – natürlich bei fließenden Übergängen.

So argumentieren die beiden:

„Von den vielen Faktoren, die unsere Weltanschauung ausmachen, ist einer fundamentaler als alle anderen, wenn es darum geht, auf welcher Seite wir politisch stehen: Unsere Wahrnehmung, wie gefährlich die Welt ist. Angst ist wahrscheinlich unser tiefstes Gefühl. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn die Art, wie ängstlich man ist, die Art, wie wir die Welt sehen, bestimmt.“

Rechte haben ein starres Weltbild, Linke eine flexibles

Damit einher gehen zwei unterschiedliche Mentalitäten. Rechte haben ein ‚starres‘ Weltbild, linke ein ‚fluides‘, also flexibles. Das starre Weltbild ist eine Reaktion darauf, die Welt gefährlich zu sehen: Es beschreibt Menschen, die gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen unangenehm empfinden, die Fremden gegenüber misstrauischer sind und die sich im Bekannten und Vorhersehbaren wohlfühlen. Menschen mit starrem Weltbild finden Veränderungen unangenehm und herausfordernd, mitunter sogar bedrohlich.

Deswegen ist es kein Zufall, dass Menschen, die politisch Rechts stehen, Freiheitsrechte gegen Sicherheit eintauschen. Besser einem autoritären Politiker zu viel Macht geben, als unkontrollierte Veränderung zu riskieren.

Menschen mit einem fluiden Weltbild sind hingegen offen für Veränderungen, freuen sich darauf, Neues zu erleben und wollen Unbekanntes erkunden und Fremde kennenlernen. Für sie ist Veränderung etwas Positives.

Das starre Weltbild hängt unmittelbar mit der Einschätzung der Welt als gefährlich zusammen. Ist die Welt gefährlich, dann ist Sicherheit natürlich das dringlichste Anliegen. Veränderung ist immer mit dem Risiko verbunden, dass es schlechter wird. Also besser nichts ändern, als etwas riskieren. Ist die Welt aber entdeckungswürdig und ungefährlich, spricht nichts gegen Offenheit. Entscheidend dabei ist, dass die reale Gefährlichkeit der Welt eine geringe Rolle spielt. Es geht um die emotionale Einschätzung.

Aus dem Alltag ist uns das nur zu gut bekannt: Linke meinen, Rechte seien einfältig, borniert und paranoid. Und Rechte unterstellen Linken, naiv und leichtgläubig zu sein.

Sollen Kinder tun, was man ihnen sagt, oder die Welt entdecken?

Die unterschiedlichen Weltbilder schlagen sich in nahezu jeder Entscheidung nieder: Linke und Rechte trinken unterschiedlichen Kaffee, fahren andere Autos oder tragen andere Schuhe. Vor allem aber erziehen sie ihre Kinder anders.

Rechten ist es in erster Linie wichtig, dass ihre Kinder folgen, sich gut benehmen und Ältere respektieren. Das passt zur gefährlichen Welt: Besser, die Kinder in seiner Nähe zu behalten – räumlich wie kulturell. Wer Veränderung für gefährlich hält, möchte Kinder, die Autoritäten akzeptieren. Wer sich unterordnet, brav ist und Autoritäten akzeptiert, entgeht den meisten Gefahren.

Linke hingegen setzen in der Erziehung auf Unabhängigkeit, Selbst-Verantwortung und fördern Interessen. Natürlich: Wenn die Welt es wert ist, entdeckt zu werden, dann sollte man das seinen Kindern beibringen.

Ein junges Phänomen

Dass sich Links und Rechts entlang dieser Linie aufteilt, ist ein junges Phänomen – das auch in den USA weiter fortgeschritten ist als ein Europa. Früher teilte sich das Spektrum entlang sozialer und politischer Fragen auf. Arbeiter wählten links, Bauern, Beamte und Unternehmer rechts. Die Diskussionen drehten sich um ideologische Differenzen. Heute treffen in politischen Diskussionen eher Lebensstile aufeinander.

Das hat verschiedene Ursachen. Einerseits hat sich die Kommunikation professionalisiert und Parteien schaffen es, direkter emotionale Mechanismen anzusprechen. Gleichzeitig hat sich die Bindung an traditionelle Parteien und ihre Ideologien weitgehend gelöst und politische Ideologien ihren Stellenwert verloren. Und damit dieser Form von Politik erst Raum gegeben.

Ein Kommentar

  1. […] Rechts und Links sehen die Welt anders. Treffen gegensätzliche Meinungen aufeinander, fehlt der gemeinsame Boden, auf dem diskutiert werden kann. Denn: Warum zum Teufel verstehen Linke nicht, dass ein Verbrecher streng bestraft werden muss? Und warum um Gottes willen begreifen Rechte nicht, dass strenge Strafen die Kriminalität nicht senken, sondern steigern? Die eine Seite will strafen, die andere Kriminalität senken. Der Umgang mit Kriminalität ist grundverschieden und genauso sind es die Ziele. Einer Rechten ist es in erster Linie wichtig, einen Verbrecher zu bestrafen. Eine Linke hat das Ziel, der Kriminalität den Boden zu entziehen: durch Armutsbekämpfung, Sozialarbeit und anderen Präventionsmaßnahmen. Ohne einem gemeinsamen Boden verliert sich die Kommunikation im Nichts. Und deswgen muss man die Sprache und Denkweise des anderen kennen. […]

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