Mord aus Liebe. Wie romantische Liebe und Beziehungstaten zusammenhängen

Männer, die ihre Partnerinnen ermorden, handeln nicht einfach aus Rache und Eifersucht. Vielmehr hängen sie einer pervertierten Form von romantischer Liebe an. In der die Beziehung ‚ewig‘ und ‚rein‘ ist und die Partnerin ‚das Ein und Alles‘.

Der gefährlichste Ort für Frauen sind die eigenen vier Wände. Gewalt gegen Frauen geht meistens vom Partner oder von Familienangehörigen aus. Fast jede zweite Woche wird in Österreich eine Frau von einem Mann ermordet – und nahezu immer stehen die beiden in einem Bekanntschaftsverhältnis. Meistens sind es Partnerschaften oder bereits beendete Partnerschaften.

Erklärungsversuche gibt es viele: Sie reichen vom Patriarchat und der Vorherrschaft der Männer bis zu individuellen Ursachen in der frühkindlichen Entwicklung oder mangelnder Selbstkontrolle und Intelligenzdefiziten, die in Gewalt umschlagen. Auch wenn diese Erklärungsansätze allesamt viel Richtiges sagen, haben sie doch auch Defizite. Während der Patriarchatsansatz wenig über die individuelle Ebene sagt, betrachten die anderen Erklärungen jeden der Frauenmorde als einzelne Ereignisse, die in keinem Zusammenhang zueinander stehen. Die beiden israelischen Forscher Aaron Ben-Zeév und Ruhama Gusinsky haben einen interessanten Vorschlag gemacht, der eine Brücke zwischen individuellen und gesellschaftlichen Erklärungen schlägt.

Gewalt ist männlich

Männer sind gewalttätiger als Frauen. Männer schlagen sich eher in Bars, sind eher in organisiertes Verbrechen verstrickt und nutzen ihre Machtposition häufiger für Übergriffe aus. Und sie morden häufiger als Frauen. Gerade einmal 20% der gewalttätigen Verbrechen in Österreich werden von Frauen begangen – und je gewalttätiger die Verbrechen, desto niedriger der Frauenanteil.

Auslöser der Gewalt: Die Frau verlässt den Mann

Die meisten Morde von Männern an ihren Partnerinnen haben eine lange Vorgeschichte an psychischer und physischer Gewalt. Aber der Auslöser ist fast immer derselbe: Die Frau verlässt den Mann oder droht damit. Das ist für viele der Anlass, den Mord als Folge von Eifersucht, Rache und Besitzansprüchen zu interpretieren. Auch wenn diese Gefühle bestimmt relevant sind, blenden sie doch aus etwas aus. Hier spielt noch ein wesentlicher Faktor mit. Nämlich Liebe. Oder genauer: eine pervertierte Form von romantischer Liebe.

Wenn romantische Liebe totalitär wird…

In Interviews mit Männern, die ihre Partnerinnen ermordet hatten, erklärten diese, nicht aus Eifersucht oder Rache getötet zu haben, sondern aus Liebe. Ben-Zeév und Gusinsky hörten diese Formulierung in den Gesprächen immer und immer wieder. So oft, dass man sie nicht einfach als Lüge oder Ausrede abtun konnte – sondern verstehen musste.

Natürlich: Ein Mann, der seine Partnerin ermordet, versteht unter Liebe etwas anderes, als man im herkömmlichen Sinn versteht. Aber was? Wie sieht jemand, der aus Liebe mordet, Liebe?

Nahezu alle Mörder hatten eine Bild von Liebe, das von einer romantischen Ideologie in einer sehr extremen Version geprägt war. Sie beschrieben ihre Liebe mit Begriffen wie ewig, einzigartig oder unersetzlich. Für sie war es die reine, unbedingte und unersetzliche Liebe. Und die Frau, die sie ermordet hatten, war stets die Eine und Einzige. Sie war ihre ganze Welt.

Denken wir einen Moment an Formulierungen wie: „Du bist mein Ein und Alles.“ Für romantisch veranlagte Menschen vielleicht ein schöner Satz. Aber sobald man sie in einem Streit äußert, vor allem, wenn es gerade um Trennung geht – gruselig und einengend.

… dann gibt es kein Leben ohne der Frau

Wenn die Partnerin die ganze Welt ist (oder sein soll), dann ist eine Trennung mehr als eine Trennung. Sie ist der Verlust der eigenen Identität. Ein Mensch, der diesem Bild von Liebe anhängt, hat in seinem Leben keine anderen Sinnquellen oder Gründe zu leben. Mit der Trennung verschwindet der Kern seines Lebens. Oder genauer: Das, was er behauptet oder glaubt, Kern seines Lebens zu sein.

Kommt dann noch ein traditionelles Männerbild hinzu, in dem der Mann über seine Partnerin verfügt – dann stellt die Trennung nicht nur seine Welt infrage, sondern wird auch als Demütigung empfunden. Und sein Liebesbegriff liefert ihm nun die Rechtfertigung für Gewalt. Denn es geht nicht nur um den Ausgleich einer Demütigung, um Rache oder um Eifersucht – sondern um die Verteidigung seiner ganzen Welt.

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