Die Sprache als Linse: Wie sie unser Denken und unsere Wahrnehmung beeinflusst

Sprache beeinflusst, wie wir über Sachverhalte denken und wie wir wahrnehmen. Selbst bei sehr grundlegenden Wahrnehmungsprozessen wie der Farbwahrnehmung arbeitet sie mit. Und sobald es um politische Urteile, um Meinungen und komplexere Sachverhalte geht, ist die Wirkung noch stärker.

Wer Russisch spricht, erkennt den Unterschied zwischen hellblau und dunkelblau schneller

In den meisten Alltagssprachen gibt es für heller und dunklere Blautöne keinen allgemein verbreiteten Begriffe. Man unterscheidet lediglich zwischen hellblau und dunkelblau. Im Russischen hingegen kennt man sinij (dunkelblau) und goluboj (hellblau).

Ein Forscherteam rund um die Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky stellte folgende These auf: Wenn Sprache unser Denken und unsere Wahrnehmung beeinflusst, dann muss sich das in der Genauigkeit unserer Wahrnehmung niederschlagen. Russen müssten die Farben somit genauer und schneller unterscheiden können.

Farbtest Russisch

Also zeigten sie Versuchsteilnehmern drei Quadrate, wobei eines der beiden unteren immer den gleichen Blauton hatte wie das obere. Die Probanden mussten identifizieren, ob das linke oder das rechte Quadrat farblich mit dem oberen ident war – und dann einen Knopf drücken. Und tatsächlich: Wer Russisch als Muttersprache sprach, konnte die Blautöne immer dann besser unterscheiden, wenn sie sich den Farbtönen sinij und goluboj annäherten.

Um auszuschließen, dass es nichtsprachliche Ursachen für diesen Effekt verantwortlich waren, gab man den Teilnehmern der Studie in einem zweiten Durchgang während des Test sprachliche Aufgaben. Auf diesem Weg wurde die Sprache ‚anderwertig‘ beschäftigt – und der Effekt verschwand. Nun gab es keinen Unterschied mehr zwischen russisch- und englischsprachigen Teilnehmern. Sobald also das sprachliche System beschäftigt war, konnten die Farben nicht mehr schneller unterschieden werden.

Die Studie zeigt, dass selbst bei sehr grundlegenden kognitiven Vorgängen wie der Farbwahrnehmung Sprache involviert ist. Auch wenn Sprache selbst nie bewusst einbezogen wurde, spielte sie doch eine Rolle.

„Und doch schalteten sich irgendwo in der Kette der Reaktionen zwischen den Photonen, die auf die Netzhaut trafen, und der Bewegung der Fingermuskel auf dem Knopf die Kategorien der Muttersprache ein und beschleunigten die Erkennung von Farbunterschieden, wenn die Farbtöne unterschiedliche Namen hatten“, schlussfolgter der Sprachwissenschaftler Guy Deutscher in seinem Buch Im Spiegel der Sprache.

Verbrechen: Monster oder Virus

Wenn Sprache bereits bei der Wahrnehmung von Farben mitarbeitet, welche Rolle spielt sie dann für unser Denken bei komplexeren Sachverhalten? Gerade wenn es um die Wahrnehmung von gesellschaftlichen oder politischen Problemen geht, muss man der Sprache eine größere Rolle zuzuschreiben. Immerhin nehmen wir diese nur selten direkt wahr, sondern immer vermittelt über Medien, Erzählungen oder Diskussionen – also in einem Rahmen, in dem Sprache ohnehin schon die Hauptrolle spielt.

In einer Studie wurden Teilnehmern Texte vorgelegt, in denen Probleme mit Kriminalität in einer fiktiven amerikanischen Stadt beschrieben wurden. In der einen Version des Textes wurde die Kriminalität als ‚Virus‘ bezeichnet, in der anderen als ‚Bestie‘. Die Versuchsteilnehmer sollten im Anschluss an die Lektüre Vorschläge machen, die Kriminalität zu bekämpfen.

Die Bestien-Gruppe machte vor allem Vorschläge, die Verbrecher zu jagen und plädierten für mehr Polizei. Die Virus-Gruppe hingegen forderte eher Ursachenforschung und Maßnahmen gegen Armut. Ein Wort – einmal Bestie, einmal Virus – hatte die Perspektive auf das Problem verschoben. Einmal wollte man die Kriminellen jagen, das andere Mal verstehen, woher die Kriminalität kam.

Besonders bedeutsam ist, dass beide Gruppen behaupteten, ihre Vorschläge aufgrund der Statistiken zu machen. Die Wörter Bestie bzw. Virus spielte in ihrer Selbstwahrnehmung überhaupt keine Rolle. Die Begriffe wirkten also untergründig und den Teilnehmern war ihre Rolle nicht bewusst.

Die Sprache funktioniert wie eine Linse

Und doch hatten die beiden Begriffe ihre Wirkung entfaltet – allerdings unbemerkt von den Teilnehmern der Studie. Der jeweilige Begriff hatte ein Netzwerk an Bedeutungen aktiviert und damit den Pfad für die Vorschläge geebnet.

Der Begriff Virus aktiviert in unserem Gehirn andere Bedeutungsnetzwerke und Bilder als Bestie. Sobald diese Netzwerke aktiviert sind, steigt die Wahrscheinlichkeit an, dass man auf sie zurückgreift. Eine Bestie ist in Untier, das man nur mit Gewalt stoppen kann. Gegen einen Virus hingegen braucht man eine kluge Strategie und Medizin.

Sprache funktioniert wie eine Linse. Sie hebt gewisse Dinge hervor und macht sie sichtbarer, während andere unbedeutender werden oder ganz aus dem Blickfeld geraten. Sie richtete unsere Aufmerksamkeit, hebt die Bedeutung von gewissen Aspekten an und blendet die anderer aus. Und sie verbindet das, worüber wir nachdenken mit anderen Konzepten, Bildern und auch Gefühlen.

Die Grenzen unserer Sprache sind trotzdem nicht die Grenzen unserer Welt

Obwohl Sprache unsere Wahrnehmung und unser Denken (mit)formt, sollte diese Erkenntnis nicht überstrapaziert werden. Die in den 1970er bekannt gewordene Saphir-Whorf-Hypothese etwa besagt, dass sich das Denken nur sprachlich vollzieht und sich demnach nichts denken lässt, was sich sprachlich nicht ausdrücken lässt. Gebe es in einer Sprache etwa keine grammatische Form der Zukunft – wie in der Sprache der Hopi-Indianer – kenne man das Konzept der Zukunft gar nicht.

Das geht natürlich viel zu weit. Nur weil es im Englischen keinen adäquaten Begriff für das deutsche ‚Schadenfreude‘ gibt, heißt das noch lange nicht, dass Engländer nicht auch eine Idee dafür haben, dass man sich über das Leid anderer erfreuen kann.

Sprache ist kein Gefängnis, aus dem unser Denken und unser Urteilen keinen Ausweg findet.

3 Kommentare

  1. Fasziniert mich ebenfalls seit langem, wie Sprache, Realität und Wahrnehmung sich gegenseitig beeinflussen. Man könnte sagen, die Sprache ist eine Form von Hypnose.

    Sie kann ein goldener Käfig sein aber sie kann auch die Gedanken befreien. Ein wirklich sonderbares Paradoxon.

    Gefällt 1 Person

      • Hypnose heißt nicht, dass Du mit geschlossenen Augen da sitzt und auf Suggestionen wartest. Die gesamte Kultur, in der Du Dich bewegst, ist eine Form von Hypnose. Der Begriff ist hier weit zu verstehen als ein Zustand nicht völligen Bewusstseins. Dieses erreichen wir ohnehin kaum jemals, man denke an den schönen Satz Wittgensteins – in meinen wachen Momenten merke ich, dass ich träume; die meiste Zeit verbringe ich im Tiefschlaf.
        Es ist eine zunächst befremdliche Erkenntnis, dass wir so gesehen von Hypnosse zu Hypnose stolpern. Aber sie gibt uns die Gelegenheit, unsere Hypnosen bewusst(er) zu gestalten.

        Und dabei ist Sprache ein sehr nützliches Werkzeug. Je klarer die Sprache, desto klarer der Gedanke.

        Gruß
        Lion Logert

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s