In der Politik schlägt das Gefühl die Vernunft – immer

Bruder und Schwester, beide in ihren frühen Zwanzigern, verbringen einen Urlaub in Paris. Eines Abends, beide haben zu viel getrunken, landen die zwei im Bett. Sie verwenden ein Kondom, obwohl die Schwester die Pille nimmt. Am nächsten Tag sprechen sie über ihre Erfahrung. Sie sind beide der Meinung, es sei schön gewesen, würde aber niemals wieder vorkommen1.

Moralisch verwerflich? Für sehr viele ja. Aber warum? Niemand ist zu Schaden gekommen. Kein Kind wurde gezeugt. Für beide war es eine schöne Erfahrung. Und trotzdem: Unser Gefühl sagt uns, dass hier etwas nicht richtig ist. Die wenigen Wörter haben ein Gefühl in uns ausgelöst. Wir haben vielleicht Ekel verspürt, vielleicht haben unsere Hände mehr geschwitzt oder wir haben aufgelacht und uns darüber gewundert, was wir hier lesen müssen. Aber sehen wir uns unsere Reaktionen auf das Beispiel genau an – denn es kann uns sehr dabei helfen, Politik zu verstehen.

Die Vernunft, ein Sklave der Gefühle

Den meisten Lesern wird es ähnlich ergehen: „Was die beiden hier machen, ist falsch!“ Spätestens bei dem Wort Paris wurde mir unwohl und als die beiden im Bett gelandet sind, habe ich – unmittelbar in der Sekunde – mein Urteil gefällt.

Bereits der schottische Aufklärer David Hume wusste, die “Vernunft ist nur ein Sklave der Affekte”2. Damit meint er, dass die Vernunft den Anliegen der Gefühle dient, dass sie sich auf die Suche nach Mitteln macht, mit denen sie den Ansprüchen der Gefühle dienen kann.

Wer bei der obigen Geschichte also ein Unbehagen spürt, wird sich bei der Frage nach dem ‘Warum?’ zuerst auf die Suche nach vernünftigen und logischen Argumenten machen, die dieses Unbehagen begründen. Wer sich hingegen erregt fühlt, wird Argumente suchen, die die Erregung legitimieren. Die vernünftige Argumentation stellt sich in den Dienst unserer Gefühle und unserer Intuition.

Das menschliche Denken und Handeln zeichnet sich nur in Ausnahmefällen dadurch aus, dass Argumente fair abgewogen werden. In der Regel treffen wir unsere Entscheidungen vorreflexiv, gefühlsmäßig. Unsere Gründe kommen erst nachträglich, sie legitimieren unsere Entscheidungen.

Warum Gefühle die Vernunft schlagen

Eine wesentlicher Kritikpunkt am Populismus betrifft seinen Umgang mit Gefühlen. Während seriöse Politik auf Sachthemen setzt, appelliere der Populismus an Gefühle und Instinkte der Menschen. Fakten, Statistiken oder die reale Rechtslage würden keine Rolle spielen.

Aber warum kommt man mit Fakten so schlecht gegen Stimmungen an? Warum werden Zahlen ignoriert? Um das zu verstehen und im Anschluss daran eine Strategie zu entwickeln, wie man dieser Form von Politik sinnvoll entgegentreten kann, müssen wir uns darüber verständigen, wie Gefühle und Denken funktionieren.

Gefühle erfüllen für das Überleben von Organismen eine entscheidende Funktion – daher gibt es unterschiedliche Formen und Vorstufen von Gefühlen bei allen Lebewesen mit einem zentralem Nervensystem. Gefühle sind zunächst einmal nicht viel mehr als ein unmittelbarer Bericht über den momentanen Zustand des Lebens. Und sie informieren einen Organismus darüber, ob er seinen Zustand verändern soll. Muss er sich ausruhen? Muss er flüchten? Muss er sich ernähren? Sicher, die Menge und Komplexität menschlicher Gefühle übersteigt die von primitiven Lebensformen um ein Vielfaches. Das Hungergefühl ist weitaus weniger komplex als ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl oder das Gefühl, unfair behandelt zu werden. Manche Gefühle – wie etwa Hunger oder Kopfschmerzen – fühlt der Körper. Andere – wie Liebe, Bewunderung oder Hass – beziehen sich auf Mitmenschen. Aber in allen Fällen übernehmen Gefühle die gleiche Funktion: Sie dienen dazu, dem Organismus mitzuteilen, ob er etwas verändern soll. Gefühle sind – vereinfacht gesagt – zu einem großen Teil eine Strategie, um zu überleben und Wege zu finden, sich fortzupflanzen.3

Wie steht es jetzt mit dem rationalen Denken, mit der Vernunft? Gemeinhin werden Vernunft und Gefühl gegenübergestellt. Tatsächlich sind die beiden miteinander verschlungen. „Gefühle”, schreibt der Neurowissenschaftler Antonio Damasio, „sind der Kern mentaler Zustände”4. Denken und Vernunft bauen auf Gefühlen auf. Vernunft und Gefühle stehen sich also nicht gegenüber, vernünftiges Denken steht auf Gefühlen und ist von ihnen durchdrungen.

Denken hat sich evolutionär als weitere Überlebensstrategie entwickelt. Sobald ein Organismus ein Gefühl spürt und nicht unmittelbar weiß, wie er reagieren muss – setzt das Denken ein. Insekten können das nicht – sie haben einige Schemen, mit denen sie auf eine Bedrohung reagieren. Aber es sind immer dieselben. Menschen hingegen können reflektieren und überlegen und infolge neue, noch nie dagewesene Strategien entwickeln. Weil sie denken.

Wir müssen verstehen, dass sich die Vernunft nicht entwickelt hat, um die objektive Wahrheit zu finden. Sondern um dem Organismus in seinem Drang, zu überleben, zu unterstützen – was natürlich keineswegs bedeutet, dass die Vernunft nicht trotzdem auch die Fähigkeit hat, nach der Wahrheit zu suchen und diese auch zu finden. Es ist lediglich nicht seine vordringlichste Aufgabe.

Aus der evolutionären Entwicklung des Menschen folgt auch, dass Gefühle „um viele Millionen Jahre älter sind als jene bewussten Denkprozesse, die wir als ‘Verstand’ bezeichnen, und dass sie unser Verhalten viel länger bestimmen.”5 Gefühle sind stärker und zwar um ein Vielfaches. Menschen werden – entgegen dem, was die traditionelle Philosophie seit Jahrhunderten sagt – nicht von rationalem Denken angetrieben. Sondern von ihren Wünschen, ihren Ängsten, ihren Bedürfnissen und ihren Werten.

Unbehagen gegenüber Gefühlen

Die politische Bedeutung des Verhältnisses von Gefühl und Vernunft ist offensichtlich. Wenn die Vernunft auf den Gefühlen aufbaut, ist sie ihnen gegenüber nur bis zu einem gewissen Grad selbstständig. Und sie ist von ihnen motiviert. Das heißt, wir denken nur dann bewusst über etwas nach, wenn es einen (emotionalen) Grund dafür gibt.

Kehren wir zu unserem Beispiel mit den Geschwistern zurück. Wer das Beispiel abstoßend findet, wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein starkes Gefühl verspüren. Stellen wir uns nun folgendes Szenario vor: Wir wollen jemanden, der das Verhalten der beiden Geschwister vollkommen unmoralisch findet, vom Gegenteil überzeugen. Wir erklären ihm, dass die beiden niemanden schädigen und dass die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden ein potentiell behindertes Kind gezeugt haben, gleich null ist. Aber warum sollte ihn das überzeugen? Er lehnt das Verhalten der beiden ja nicht aus einer rationalen Überlegung ab, sondern aufgrund eines abstoßenden Gefühls. Und durch dieses Gefühl werden wir mit logischen Argumenten nur dann dringen, wenn die Bereitschaft unseres Gegenübers dafür da ist.

Die klassisch linke und liberale Vorstellung in der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten lautet: Die Wähler der FPÖ wissen zu wenig über die Gesellschaft, über Kriminalitätsraten von Menschen mit Migrationshintergrund, usw. Würden die Menschen bloß über genug Informationen verfügen, würden sie nicht rechts wählen.

Hinter dieser Haltung steht ein Motiv, das die gegenwärtige Schwäche linker Parteien zu einem nicht geringen Maß erklären kann: Es gibt ein deutliches Unbehagen mit Gefühlen. Politik, die nicht auf rationalen Argumenten, auf Zahlen und Daten aufbaut, sondern im Modus der Gefühle operiert, wird regelrecht als unfair betrachtet. Nun, natürlich ist es unfair, wenn rechte Parteien Fakten ignorieren und auf Vorurteile setzen. Aber das festzustellen darf nicht der Endpunkt der Analyse sein. Es sollte ihr Anfang sein.

Auch wenn der Vorwurf, dass zu wenig auf Fakten und Daten Rücksicht genommen wird, bestimmt nicht unrichtig ist, bringt er uns nicht weiter. Denn: Das Gefühl, dass rechtspopulistische Parteien ihren WählerInnen vermitteln, ist stärker als die Zahlen und Argumente, die man entgegensetzt (das trifft im Übrigen auf alle Parteien und Weltanschauungen zu).

Und das ist jetzt entscheidend:

Es geht gar nicht anders. Gefühle schlagen die Vernunft – und zwar so gut wie immer. Egal, ob man links, rechts, liberal oder konservativ wählt oder ob man Tee oder Kaffee trinkt. Unser Gehirn und unser Nervensystem haben sich evolutionär so entwickelt, dass die Vernunft ein Hilfsmittel des Gefühls ist. Die Vernunft ist dazu da, Gefühle punktuell zu korrigieren oder ihnen zu helfen. Aber man kann vom rationalen Denken nicht verlangen, stetig Argumente zu prüfen oder politische Forderungen auf Daten zurückzuführen. So funktioniert unser Gehirn einfach nicht.

Nur, wenn die Wähler einer Partei einen Grund haben, sich mit einem Gegenargument auseinanderzusetzen, tun sie das auch. Und dieser Grund liegt fast immer auf der Ebene des Gefühls. Ist man gefühlsmäßig nicht bereit, sich auf ein Argument einzulassen, kann dieses so gut sein, wie es will. Es wird nicht überzeugen.

Die Wand der Gefühle durchdringen

Wie gehen Menschen damit um, wenn sie mit Argumenten konfrontiert werden, die ihren Überzeugungen entgegenstehen?

Der amerikanische Psychologe Drew Westen argumentiert etwa:

“Das Gehirn neigt zu Lösungen, die so gestaltet sind, dass sie nicht nur zu den Informationen, sondern auch zu unseren Wünschen passen. […] Positive und negative Gefühle haben Einfluss darauf, welcher Argumente wir uns bewusst werden, wie viel Zeit wir damit verbringen, über verschiedene Argumente nachzudenken, darauf, ob wir Argumente oder Indizien, die eine emotionale Bedrohung darstellen, akzeptieren oder ob wir nach ‘Lücken’ in der Beweisführung suchen”6.

Wenn wir uns gegenüber ehrlich sind, kennen wir dieses Phänomen nur zu gut aus der Alltagserfahrung: Wir lesen einen kontroversen Kommentar, aber im Grunde haben wir bereits vor dem Lesen entschieden, ob wir ihm zustimmen oder nicht. Wir erkennen am Autor oder am Titel bereits, was uns der Text sagen wird. Dann lesen wir den Text, lassen die Argumente aber nicht auf uns wirken – sondern formulieren während des Lesens bereits Gegenargumente. Widerspricht ein Text unserer vorgefassten Meinung, lesen wir ihn schlicht und ergreifend anders. Genauso hören wir einem Politiker einer Partei, die wir nicht mögen, anders zu, als einem aus der eigenen Partei.

Eine ganze Reihe von Experimenten zeigt auf, wie Menschen mit Argumenten und Gegenargumenten umgehen – und kommen stets zu den gleichen Ergebnissen.

Argumente, die meine Meinung unterstützen, werden sehr schnell und sehr leicht akzeptiert. Informationen und Argumente hingegen, die meiner Position widersprechen, werden viel kritischer beäugt und schon aus winzigen Gründen abgelehnt. Im ersten Fall fühlen wir uns wohl, im zweiten nicht.

In einer äußerst aufschlussreichen Studie etwa wurden Probanden Texte vorgelegt, die Pro- und Contra-Argumente zur Todesstrafe brachten. Während die Gegner der Todesstrafe die Argumente gegen die Todesstrafe als argumentativ gelungen erlebten und die Argumente für die Todesstrafe als schwach und wenig überzeugend – war es bei den Befürwortern genau umgekehrt. Obwohl sie die gleichen Texte gelesen hatten, waren sie zu vollkommen gegensätzlichen Einschätzungen gelangt. Aber noch viel wichtiger war die Erkenntnis, dass sich beide Seiten in ihren Meinungen bestätigt sahen und diese infolge auch vehementer vertraten.Die differenzierte Argumentation hatte keineswegs die Folge, dass die Leser selbst nun eine differenzierte Position hatten – sondern eine noch undifferenziertere!7 Die Argumente waren nicht durch die Wand der Gefühle gedrungen. Die Vernunft hatte sich lediglich jene Argumente herausgenommen, die sie brauchte, um die bisherige Position zu verfestigen. Sie hatte jene Argumente abgeblockt, die negative Gefühle ausgelöst hatten und jene durchgelassen, die positive ausgelöst hatten.

Halten wir das fest, denn diese Erkenntnis kann kaum unterschätzt werden:

Die besten Argumente bringen nichts – und zwar wirklich nichts – wenn man es nicht schafft, die Gefühle richtig anzusprechen.

Daten, Fakten, Zahlen?

Die Linke verzweifelt in den letzten Jahren regelrecht daran, wie Vorurteile über Statistiken triumphieren. Man kann noch so oft darauf hinweisen, wie die Kriminalitätsrate sinkt oder wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, durch einen Terroranschlag zu sterben – das Gefühl der Unsicherheit interessiert sich nicht dafür.

Linke und Liberale lieben Statistiken, Fakten, Zahlen. Das hat auch gute Gründe – sie sprechen in den meisten Fällen tatsächlich für sie. Und für die politische Meinungsbildung von Menschen, die sich überdurchschnittlich für Politik interessieren, sind sich auch wichtig. Aber: Sie helfen in der politischen Arbeit kaum weiter. Sie überzeugen nicht.

Der israelisch-amerikansiche Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken” anhand unzähliger Studien und Beispiele nachgewiesen, wie schlecht das menschliche Gehirn mit Zahlen oder Wahrscheinlichkeiten umgehen kann8. Denn wir müssen über sie nachdenken, sie in Relationen setzen und sie erklären. Wer dafür nicht bereit ist, wird sich an die Zahlen schon nach wenigen Minuten nicht mehr erinnern. Wenn er sie überhaupt gelesen oder gehört hat.

Der Teil im Gehirn, der für Zahlen, Analysen oder die Kosten-Nutzen-Abwägung zuständig ist, ist der Präfrontale Cortex. Und diesen versucht die politische Linke anzusprechen. Aber genau das ist keine gute Idee – denn genau diese Hirnregion regt sich nur wenig, wenn wir über Dinge nachdenken, die uns wichtig sind9. Wenn wir also jemanden dazu bringen wollen, über unsere Botschaften nachzudenken, müssen wir ihn so ansprechen, dass diese Botschaften für ihn wichtig sind.

Die moralischen Grundlagen der Politik

Kehren wir zu unserem Geschwisterpaar in Paris zurück. Jemand hört die Geschichte und ist vollkommen außer sich. Er findet das Verhalten der beiden empörend und absolut inakzeptabel.

Welche Partei wählt er? Müssten wir eine Wette abschließen, würden wir auf eine rechte oder konservative Partei tippen. Aber was hat mein Gefühlsempfinden angesichts dieser Geschichte mit meinem Wahlverhalten zu tun?

Eine Meinung intuitiv und gefühlsmäßig einzunehmen, ist ein äußerst komplexer Prozess – auch wenn wir diesen Prozess kaum wahrnehmen. Der amerikanische Psychologe und Philosoph Jonathan Haidt hat in einer bahnbrechenden Studie herausgearbeitet, wie diese intuitiven Prozesse ablaufen. Für den politischen Prozess sind es basale, grundlegende Werte auf denen die politische Haltung aufbaut – und diese Werte sind auf vielfache Weise mit Gefühlen verknüpft.

Haidt hat in seinen Untersuchungen herausgearbeitet, dass sich unsere Moral aus sechs grundlegenden Modulen zusammensetzt: Fürsorge, Fairness, Freiheit, Loyalität, Autorität und Reinheit. Wie stark diese Module ausgeprägt sind und welche für den Einzelnen größere Relevanz haben, hat soziale Ursachen. Aber auch erbliche10.

Wer das Pariser Beispiel gelassen zur Kenntnis nimmt, bei dem ist das Modul der Reinheit nicht stark ausgeprägt. Wer aber empört ist oder ekel verspürt, bei dem wurde genau dieses Modul angesprochen und es reagiert. Für ihn wird vielleicht die Vorstellung der Ehe beschmutzt.

Die traditionell linken Werte sind Fürsorge, Fairness und Freiheit. Politische Botschaften von Seiten der Linken sprechen zu einem überwiegenden Teil diese Module an. Rechte und konservative Botschaften hingegen sprechen alle sechs Module relativ gleichmäßig an. Und liberale Botschaften zielen im Grunde nur auf eines – auf Freiheit11.

Haidt zeigt in seinen Studien, dass konservative Parteien einen entscheidenden Vorteil haben, weil sie mehr positive Gefühle auslösen. Linke – und noch mehr liberale – Botschaften hingegen würden deutlich weniger positive Gefühle auslösen. Und weil sie auf die Werte-Module keine Rücksicht nehmen, geben sie emotionalem Widerspruch mehr Möglichkeiten.

Es sei wie in der Küche: Konservative würden mit allen Geschmäckern kochen, Linke nur mit Süß und Salz. Während also die konservative Küche auf unseren Zungen prickelt, würde die Linke schal und fade sein.

Haidt, der sich als politischer Zentrist begreift, schlägt ausgehend von seinen Studien vor, die Demokratische Partei in den USA solle ins Zentrum rücken. Tatsächlich kann man sich seine Erkenntnisse aber auch zunutze machen, ohne politische Abstriche zu machen.

Eine Reihe von Untersuchungen und Experimenten zeigt, wie sich die Aufnahmebereitschaft von politischen Botschaften verändert, wenn sie anders formuliert werden12.

So wurde etwa einer Reihe von konservativen Probanden Texte über Donald Trump gezeigt. Inhaltlich kritisierten die Texte Trump in den gleichen Punkten – aber sobald sich die Kritik darum drehte, dass sich Trump gegenüber den USA illoyal verhalten hatte, stieg die Zustimmung der konservativen Leser zu den Texten deutlich an. Trump war inhaltlich nicht anders kritisiert worden – aber es wurden eben mehrere moralische Module angesprochen. Und zwar auch solche, die Konservativen wichtiger sind, als Linken (Loyalität, Autorität).

Storytelling

Wie unaufmerksam man auch immer diesen Text hier liest – an eine Sache wird man sich bestimmt auch noch in ein paar Wochen erinnern. An die Geschwister in Paris. Warum? Weil es eine Geschichte ist.

Geschichten sind der Königsweg, um eine Botschaft zu transportieren – in der PR spricht man von Storytelling. Geschichten, das können in der Politik Erinnerungen oder Traditionen sein, kurze Episoden oder Bilder, Berichte von Betroffenen oder der Lebensweg einer Kandidatin. Und sie können Werte und Inhalte transportieren.

Geschichten haben mehrere immense Vorteile13.

Das menschliche Gehirn ist zwar nur schlecht im Umgang mit Zahlen und rationalen Argumenten – aber es ist für Geschichten gemacht.

Wer weiß schon genau, wie viel Prozent Jeremy Corbyn bei seiner Wahl zum Labour-Parteivorsitzenden hatte, was seine drei zentralen Forderungen waren? Aber das Bild eines kauzigen Hinterbänklers, der über Jahrzehnte zu seiner Meinung stand, der niemals sein Rückgrat bog – dieses Geschichte bleibt.

Wer eine Geschichte hört, der hört einmal zu. Bei rationalen Argumenten oder Zahlen, die unserer Meinung widersprechen, setzt der Mechanismus der Suche sofort ein – bei Geschichten erst viel später. Geschichten haben daneben oft eine emotionale Dimension, binden die Zuhörer ein und sind wenig anstrengend.

Kandidaten, die ihre politische Botschaft in Geschichten und kurze Bilder verpacken, schaffen es, mit ihren Botschaften hängen zu bleiben. Und sie erreichen ein breiteres Publikum. Donald Trump, der ein Meister der Kommunikation ist, hat sich in den Debatten der Vorwahlen sage und schreibe 90 Prozent seiner Sprechzeit der Methode des Storytellings bedient14.

 

Der Text erschien auch in Zukunft 11/18

 

Fußnoten

1 Ich entnehme das Beispiel und die folgenden Überlegungen Jonathan Haidt: The Righteous Mind, New York 2012.
2 Hume, David: Traktat über die menschliche Vernunft, 2.3.3.
3 Vgl. Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl, München 2017, S. 117-164.
4 Damasio: Im Anfang war das Gefühl, S. 181.
5 Drew Westen: Das politische Gehirn, S. 58.
6 Westen: Das politische Gehirn, S. 103.
7 Vgl. Westen: Das politische Gehirn, S. 104f.
8 Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken, München 2012.
9 Vgl. Westen: Das politische Gehirn, S. 63-67.

11 Natürlich: Konservative verstehen unter Freiheit etwas anderes als Linke und beide Seiten würden sich mitunter sogar absprechen, dass es sich bei der jeweils anderen Botschaft wirklich um Freiheit handelt. Aber an dieser Stelle sollen keine Inhalte diskutiert werden – wir wollen uns lediglich auf die Wirkung von politischen Botschaften konzentrieren.

12 Vgl. https://www.vox.com/2016/11/23/13708996/argue-better-sciencentat

13 Vgl. hierzu v.a. Chip Heath/Dan Heath: Made to Stick, New York 2010.

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