Fakten überzeugen nicht. Und wir müssen verstehen wieso.

Fakten bringen in politischen Diskussionen wenig. Sie verändern die Meinung von Menschen kaum oder gar nicht – auch wenn sie Falschinformationen aufdecken. Das menschliche Gehirn ignoriert Informationen, die nicht in sein Weltbild passen. Denn es hat sich evolutionär nicht dafür entwickelt, logische Probleme zu lösen oder nach der Wahrheit zu suchen. Sondern um in Gruppen zu bestehen und zu überleben.

Jeden Gegner von Strache oder Trump treibt es regelmäßig den Puls in die Höhe. Wie kann man diese Lügen nur glauben? Wie kann man glauben, dass niedrige Steuern für Milliardäre gut für die Mittelschicht sind, wenn sie es nachweislich doch nicht sind? Wie kann man glauben, dass die Kriminalität steigt, wenn sie doch nachweislich sinkt? In Diskussionen erleben wir tagtäglich: Wir können offizielle Statistiken zücken oder mit Zahlen argumentieren. Es ist, als würden die Fakten nicht existieren. Beim einen Ohr hinein, beim anderen hinaus.

Warum kommen die Fakten nicht an? Warum bleiben die Fakten, die Daten und Zahlen nicht haften? Warum ist die Geschichte, die der Cousin der Nachbarin in der Straßenbahn gehört hat, überzeugender?

Wir suchen uns die Informationen, die unsere Meinung bestätigen.

Das menschliche Gehirn hat eine starke Tendenz dahin, Informationen so auszuwählen, dass sie in unser bisheriges Weltbild passen. Es sucht sich die Informationen, die unsere Meinung bestätigen und vertiefen. Informationen, die die eigenen Meinung hingegen widerlegen oder die nicht zu unseren Erwartungen passt, werden ausgeblendet oder so lange uminterpretiert, bis sie passen.

Aus den Neurowissenschaften und der Psychologie wissen wir, dass Ideen und Konzepte sich in unseren Synapsen unserer Gehirne befinden. Diese können nicht einfach verändert werden, indem man jemanden über ein Fakt – so überzeugend es auch sein mag – informiert.

Der Linguist George Lakoff weist vor diesem Hintergrund darauf hin, dass ein Fakt für jemanden nur dann überhaupt einen Sinn ergibt, wenn es in seine Weltanschauung passt. Die konkrete Information muss sich in den bestehenden Synapsen verankern können. Andernfalls hinterlässt es so gut wie keine Spuren.

Auch Claus Lamm, Leiter der Neuroscience Unit der Uni Wien, verdeutlicht dies: „Eine einzige Gegeninformation reicht oft nicht aus, um eine Meinung zu ändern – außer die Information wird immer wieder wiederholt, und zwar von unterschiedlichen, am besten besonders glaubwürdigen Quellen. Bis diese Schwelle aber erreicht ist, gibt es eine Art Schutzmechanismus, der uns erlaubt, an unseren Überzeugungen festzuhalten.“

Während Menschen in unpolitischen Debatten noch eher dazu neigen, ihre Meinung zu ändern, sind politische und religiöse Standpunkt besonders hartnäckig. Das erklärt der Psychologe Jonas Kaplan so:

„Politische Überzeugungen funktionieren ähnlich wie religiöser Glaube. Beide definieren, wer man ist. Und sie sind wichtig für das soziale Umfeld, zu dem man gehört. Wer seine Meinung überdenkt, überdenkt auch, wer er selbst ist und zu welcher Gruppe er gehört.“

Riskant für ein Gehirn, das evolutionär dafür ausgelegt ist, um in der Wildnis zu überleben. Deswegen reagiert es auch mit negativen Emotionen auf Argumente und Fakten, die nicht in die eigene Weltanschauung passen. Eine Schutzfunktion also.

Der Verstand ist nicht dazu da, die Wahrheit zu suchen. Sondern um zu kooperieren.

Der menschliche Geist hat zwar die Fähigkeit, nach der Wahrheit zu suchen und sie zu finden. Sonst gäbe es keine Wissenschaft. Aber es ist nicht primär dafür entstanden.

Der größte evolutionäre Vorteil gegenüber anderen Spezies liegt in der menschlichen Kooperation. Und diese lässt sich schwer herstellen und erhalten. Die beste Überlebensstrategie für den frühen Menschen lag immer in Gemeinschaften – man hatte Schutz, wurde im Krankheitsfall versorgt, hatte bessere Ernährungsmöglichkeiten, etc.

Unser Verstand hat sich nicht dafür entwickelt, logische Probleme zu lösen, wissenschaftlicher Forschung nachzugehen oder Fakten auf den Grund zu gehen. Sondern um die Gruppe zusammenzuhalten. Aus evolutionärer Sicht – denken wir an die hunderttausenden Jahre, als der Mensch als Jäger und Sammler lebte – hat ein Gehirn, das ständig seinen eigenen Standpunkt hinterfragt und die eigenen Vorstellungen mit neuen Informationen abgleicht, wenig Vorteile. Anders ein Gehirn eines Menschen, das sich an die Gruppe anpasst und sich einfügt. Besser nicht alles hinterfragen, dafür aber überleben.

Mit einem Wort: Unsere Gehirne konnten sich nicht an die moderne Gesellschaft anpassen. Dafür ist sie schlicht zu jung. Unsere Gehirne sind gemacht für das Leben in überschaubaren Gemeinschaften, in denen die Menschen zu ihrer Gruppe stehen und versuchen, diese zusammenzuhalten und einen hohen Status innerhalb derselben zu gewinnen.

Wie man überzeugend argumentiert, werde ich in einigen weiteren Texten behandeln.

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