Wer Ekel versteht, versteht Politik (besser)

Affenfleisch zum Abendessen, der stechende Geruch von Urin an der Straßenecke oder Vanilleeis mit Ketchup. Ekelhaft?  Für manche fürchterlich, für andere erträglich. Politische Bedeutung? Mehr, als man denkt.

Gefühle spielen in der Politik eine entscheidende Rolle: Wut auf das Establishment, ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft oder Angst vor Terrorismus – das alles kann Wahlen entscheiden. Aber wie sehr die politische Einstellung auch von scheinbar unpolitischen Emotionen durchdrungen ist, lassen nun einige jüngere Untersuchungen erahnen.

Ob man politisch auf der Linken oder der Rechten steht, hängt neueren Studien  (1,2) zufolge auch vom Gefühl des Ekels ab.

Schutz für den Allesfresser

Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Mensch das einzige Wesen ist, das Ekel kennt. Aber was ist eigentlich Ekel und warum können sich Menschen ekeln? Dafür müssen wir in der Geschichte weit in die Evolution zurückgehen.

Ekel hat für den Menschen eine wichtige Schutzfunktion. Während die meisten Tiere von Geburt an genau wissen, was sie essen können und was nicht, muss der Mensch das erst lernen. Der Mensch ist ein Allesfresser. Und ein Allesfresser zu sein, hat einen großen Vorteil. Man ist flexibler. Man kann sich in einer anderen Klimazone niederlassen und findet trotzdem etwas Essbares. Ein Koala-Bär kann das nicht. Aber man hat eben auch einen Nachteil. Man weiß mitunter nicht, was man isst – und ob es verträglich, ungenießbar oder giftig ist.

Allesfresser sind mit zwei gegenläufigen Eigenschaften ausgestattet: Auf der einen Seite sind sie neugierig, auf der anderen haben sie Angst vor Neuem. Die Neugier sorgt dafür, Neues auszuprobieren. Der Ekel läuft der Neugier entgegen und schränkt sie ein. Wovor man sich aber ekelt, ist nicht angeboren. Das liegt in der Natur der Sache: Der Ekel soll die Neugier begrenzen – aber was neu ist und was nicht, das liefert klarerweise die Erfahrung. Wir kennen alle das Gefühl, etwas Ungenießbares gegessen zu haben – und noch viele Jahre danach widert uns allein der Gedanke daran an.

Politische Dimension des Ekels

Neugier und Angst vor Neuem stehen sich entgegen. Und wie Untersuchungen zeigen, ist bei Linken und Liberalen die Neugier stärker ausgeprägt. Konservative und Rechte hingegen verspüren das Gefühl des Ekels stärker.

Der Neurowissenschaftler Road Montague zeigte Probanden unterschiedliche Bilder und maß dabei deren Gehirnaktivitäten. Parallel dazu wurden die Teilnehmer der Studie bezüglich ihrer politischen Einstellungen befragt. Und in der Tat, die Messergebnisse bestätigten: Konservative verspüren Ekel schneller und stärker. Das mag biologische Ursachen haben, hat aber auch mit Erfahrung zu tun. Wer in einer Umgebung aufwächst, in der Angst vor Neuem die Regel ist, wird Neues auch dann als ekelhaft oder bedrohlich erfahren, wenn es dafür keinen Grund gibt.

Besonders spannend war, dass die Gehirne der Konservativen stärker reagierten – die Probanden selbst aber nicht der Meinung waren, besonders heftig zu reagieren. Der Ekel war ihnen zwar bewusst, aber ihnen war nicht klar, dass sie stärker reagierten, als andere.

Ekel vor Maden, Ekel vor Menschen

Ekel empfindet man nicht nur vor Erbrochenem, Maden oder Kot, sondern mitunter auch vor Fremden. Wie oft hat man denn schon gehört, ‚Ausländer‘ seien schmutzig oder würden Krankheiten bringen?

Auch dafür gibt es evolutionäre Gründe. Ohne entwickelte Medizin ist es sicherer, unter Seinesgleichen zu bleiben. Fremde Stämme konnten auch fremde Krankheiten bringen, gegen die man nicht immun ist. Man denke nur an die unzähligen Krankheiten, die infolge der Entdeckung Amerikas eingeschleppt wurden und Millionen dahinrafften.

Steinzeitliche Stämme, die im Kontakt mit anderen die richtige Balance zwischen Neugier und Vorsicht fanden, hatten bessere Chancen zu überleben. Das erklärt, wieso sich Ekel vor Fremden evolutionär entwickeln konnte.  Auch hier hat der Ekel eine Schutzfunktion. Zwar ist dieese Sorge aufgrund der medizinischen Entwicklung größtenteils unbegründet. Aber davon weiß unser Gehirn eben nur wenig.

Das politische Spiel mit dem Ekel

Politische Kampagnen, die den Ekel vor Fremden zu verstärken wollen, gibt es genug. Wer ihnen etwas entgegensetzen will, darf nicht darauf vergessen: Das politische Spiel mit Angst und Ekel zielt in unserem Gehirn auf Bereiche, die uns eigentlich schützen wollen. Mit Zahlen und Fakten wird man demnach kaum überzeugen. Stattdessen muss man auf Emotionen zielen – und die Neugier der Menschen ansprechen.

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